09.09.2014

Duale Berufsausbildung in der Schieflage: Zu wenige Hilfen für schwächere Berufsschüler, zu wenig Förderung der Leistungsstarken

Der Ausbildungsmarkt ist in Bewegung geraten. Im Vorjahr ging die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 2.000 von 78.882 auf 76.791 zurück. Für das beginnende Ausbildungsjahr 2014 zeichnet sich die gleiche Tendenz ab. Dabei ging aber nicht nur die Zahl der Ausbildungsplatzbewerber zurück, sondern gleichzeitig auch die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze. Dadurch nahm im Vorjahr trotz rückläufiger Zahl der Ausbildungsplatzbewerber die Angebots-/Nachfragerelation von 1,14 freien Ausbildungsplätzen pro Bewerber auf 1,09 ab. Die neuesten Zahlen der Regionaldirektion Baden-Württemberg zeigen, dass im laufenden Einstellungsverfahren die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze um 0,8 % auf 70.361 Plätze wieder leicht zugenommen hat, aber dass das Niveau von 2012 (rund 71.541 Plätze) nicht erreicht wurde. Die Angebots-/Nachfragerelation beträgt aktuell 1,11, schwankt jedoch regional sehr. Die Spannweite reicht von 0,79 in der Region Waiblingen bis 1,48 in der Region Balingen. Somit ist noch keine befriedigende Situation auf dem Ausbildungsmarkt erreicht. Dies wäre dann der Fall, wenn rechnerisch in jeder Region des Landes jedem Ausbildungsplatzbewerber mindestens 1,3 Lehrstellen zur Verfügung ständen, wie es in den 80er Jahren der Fall war.

Gleichzeitig steigt die Zahl der vorzeitigen Vertragsauflösungen signifikant an. So wurden im Bereich der IHK Stuttgart 20,2 % der im Ausbildungsjahr 2013/14 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst.

Der Rückgang der Zahl der neuen Ausbildungsverträge ist nicht nur demografisch bedingt. So können viele Jugendliche nicht vermittelt werden, weil sie noch nachqualifiziert werden müssen. Die Agentur für Arbeit, Regionaldirektion Baden-Württemberg, stellt fest, dass auch in einem günstigen Marktumfeld Jugendliche mit geringer schulischer und persönlicher Qualifikation es vor dem Hintergrund steigender Anforderungen an die Auszubildenden schwer haben, direkt in einer betrieblichen Ausbildung Fuß zu fassen. Deshalb warnt der Berufsschullehrerverband (BLV) nachdrücklich davor, bei vollschulischen

Bildungsgängen wie der Berufsfachschule oder dem Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf (VAB) von schulischen Warteschleifen zu sprechen. Sie machen die Jugendlichen fit für eine Berufsausbildung.

Gleichzeitig steigt die Zahl der Jugendlichen mit Abitur oder Fachhochschulreife kontinuierlich an. Für diese steht die duale Berufsausbildung in Konkurrenz mit einem Studium an einer Universität, einer (Fach-)Hochschule oder an einer dualen Hochschule. Die Plätze an diesen Bildungseinrichtungen wurden in den letzten Jahren kontinuierlich erweitert. So hat sich die Zahl der Studienanfänger in Baden-Württemberg in den letzten 10 Jahren von 31.782 auf 65.675 mehr als verdoppelt.

Die Reduzierung der Zahl der Ausbildungsplätze in den letzten Jahren führen Kammern und Arbeitsverwaltung auf einen Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern zurück, was dazu führt, dass freie Ausbildungsplätze zunächst unbesetzt bleiben und dann letztlich ganz gestrichen werden. („Nicht auszuschließen ist, dass sich Betriebe, die wiederholt die Erfahrung machen, ihre angebotenen Ausbildungsstellen nicht besetzen zu können, dauerhaft aus der dualen Berufsausbildung zurückziehen und damit ein wichtiges Instrument zur Fachkräftesicherung nicht nutzen“, Berufsbildungsbericht 2014, S. 45)

Auf dieser Faktenlage müssen die beruflichen Schulen reagieren.

 

Berufsorientierung unter Einbeziehung der beruflichen Schulen

Vorzeitige Vertragsauflösungen lassen sich reduzieren, wenn die Jugendlichen an den allgemein bildenden Schulen, übrigens auch an den Gymnasien, eine umfassende Berufsorientierung erhalten, die die beruflichen Schulen mit einschließt. Wir schlagen vor, dass alle Schülerinnen und Schüler allgemein bildender Schulen verbindliche Orientierungspraktika an den beruflichen Schulen absolvieren und zwar

in Klasse 8 je eine Woche an allen drei Typen der beruflichen Schulen

in Klasse 9 eine weitere Woche in einem ausgewählten Berufsfeld

in Klasse 10 im Berufsschulunterricht eines Einzelberufs.

Im Rahmen dieser Berufsorientierung an beruflichen Schulen könnten zum Beispiel gemeinsame Projekte der Berufsschüler (Auszubildenden) mit den Berufspraktikanten geplant und durchgeführt werden, oder die Berufsschüler könnten den Berufspraktikanten den Ausbildungsberuf in den Werkstätten, Laboren, Küchen und Übungsfirmen der beruflichen Schulen näher bringen.

Der Berufsschullehrerverband (BLV) fordert das Kultusministerium auf, ein entsprechendes Konzept zu entwickeln.

 

Hilfestellungen für leistungsschwächere Berufsschüler

Wenn es gelingt, auch leistungsschwächere Jugendliche in ein Ausbildungsverhältnis zu vermitteln, dann muss alles getan werden, dass diese Jugendlichen nicht scheitern. Die Ansätze der „Individuellen Unterstützung in der Berufsschule (Indus)“ – wie sie derzeit an einigen Berufsschulen im Rahmen eines Schulversuchs praktiziert werden - dürfen nicht auf einzelne Standort und Einzelberufe beschränkt bleiben, sondern müssen flächen-deckend ausgebaut werden. 15 Wochenstunden für die Individuelle Unterstützung

gefährdeter Auszubildender unabhängig von der Klassen- und Schülerzahl mag für kleine Berufsschulen ausreichend sein, für die in aller Regel großen Einheiten ist dies jedoch entschieden zu gering.

 

Erhalt des Berufsschulangebots in der Fläche

Von essentieller Bedeutung für die Sicherung der dualen Berufsausbildung ist der Erhalt eines bedarfsdeckenden Berufsschulangebots in der Fläche. Jeder Berufsschüler muss seine Berufsschule mit öffentlichen Verkehrsmitteln innerhalb einer Stunde vom Wohn- bzw. Ausbildungsort erreichen können. Lange Wege zur zuständigen Berufsschule sind ein Ausbildungshemmnis erster Güte. Das gilt im Übrigen auch für die einjährigen Berufsfachschulen, die vielen Handwerksausbildungen als erstes Lehrjahr vorangestellt sind und von den jüngsten Auszubildenden besucht werden, deren Mobilität mangels Alter und mangelnder Vergütung deutlich eingeschränkt ist.

 

Steigerung der Attraktivität der dualen Berufsausbildung für Hochschulzugangsberechtigte und gute Auszubildende mit mittlerem Bildungsabschluss

In den letzten Jahren stieg die Anzahl der Schulabgänger mit Hochschulzugangsberechtigungen kontinuierlich an. So hatten im Jahr 2000 35 % eines Geburtsjahrgangs die Hochschul- oder die Fachhochschulreife erworben. Bis 2011 war dieser Wert auf 57 % angestiegen. Der Sondereinfluss der gleichzeitigen G8- und G9-Abschlüsse ließ ihn dann 2012 auf 79,1 % hochschnellen. (Quelle: Statistisches Monatsheft 9/2013, S. 21). Jedenfalls besitzen mehr als die Hälfte der Absolventinnen und Absolventen der allgemeinen und beruflichen Schulen eine Hochschulzugangsberechtigung. Wenn der Anteil der Jugendlichen, die das duale System der Berufsausbildung absolvieren, zwischen 60 und 70 % bleiben soll, muss die Attraktivität dieses (Aus-)Bildungsweges für Leistungsstarke deutlich verbessert werden.

Hierzu schlägt der Berufsschullehrerverband (BLV) folgende Maßnahmen vor:

- Zusatzqualifikationen fördern

Die duale Berufsausbildung kann für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler dadurch attraktiv gestaltet werden, dass zusammen mit der beruflichen Erstausbildung Zusatzqualifikationen vermittelt werden. Dies kann dual in einer Verbindung von Erstausbildung mit einer Weiterbildungsprüfung geschehen. Seit der Novellierung des Berufsbildungsgesetzes im Jahr 2005 können Zusatzqualifikationen in Ausbildungsordnungen integriert werden. Dadurch erhalten die Auszubildenden ein zusätzliches, strukturiertes Ausbildungsangebot, das im Rahmen der regulären Ausbildungszeit vermittelt wird. Beispiele hierfür sind die Abschlüsse Finanzassistent für Bankkaufleute oder Zusatzqualifikation

Internationales Wirtschaftsmanagement mit Fremdsprachen für Großhandels- und Industriekaufleute. Leider gibt es derzeit nur wenige solcher kodifizierten Zusatzqualifikationen, weil sich hier die Kammern – wie zum Beispiel bei Managementassistenten im Einzelhandel -sehr zögerlich verhalten.

Auch nicht duale Zusatzqualifikationen müssen verstärkt durch die Berufsschule vermittelt werden können. Hierbei ist an die Vermittlung von Fremdsprachen-, IT- und betriebswirtschaftlicher oder technischer Kompetenzen zu denken. Für die Vermittlung dieser Zusatzqualifikationen brauchen die Berufsschulen Lernzeit und organisatorische Freiräume.

- Zusatzunterricht zum Erwerb der Fachhochschulreife für leistungsstarke Auszubildende mit mittlerem Bildungsabschluss

Das Klagen der Ausbildungsbetriebe über das Ausbleiben von Auszubildenden mit gutem mittlerem Bildungsabschluss ist nicht zielführend. Vielmehr müssen die Ausbildungsbetriebe auch bereit sein, diesem Personenkreis ein attraktives Angebot zu machen. Dies kann z.B. dadurch erfolgen, dass den Jugendlichen die Möglichkeit eröffnet wird, durch Zusatzunterricht die Fachhochschulreife zu erwerben. Dieser Zusatzunterricht muss auf die Arbeitszeit der Auszubildenden angerechnet werden. Dies könnte ein ausgezeichnetes Werbeargument für die ausbildende Wirtschaft sein, motivierte Schulabgänger mit mittlerem Bildungsabschluss für eine duale Ausbildung zu gewinnen.

- Förderung von Durchlässigkeit von dualer Berufsausbildung und Hochschulausbildung durch Anerkennung von Vorleistungen (Creditpoints)

Hier gibt es singuläre, auf Einzelabsprachen beruhenden Regelungen zwischen einzelnen Hochschulen und einzelnen Berufsschulen, aber eben noch kein Konzept der Kultusverwaltung. Hier sind Kultusminister Stoch und die Kultusministerkonferenz (KMK) – der auch die Wissenschaftsminister angehören - gefordert.

- Spezielle duale Ausbildungsgänge für Hochschulabbrecher

Nachdem die Zahl der Hochschulabbrecher signifikant ansteigt, ist es erforderlich, für dieses Klientel einen zwischen Berufsschule und Kammern abgestimmten kodifizierten Weg der Berufsbildung zu entwickeln. Immerhin bemühen sich im laufenden Ausbildungsjahr 1.764 Hochschulangehörige um einen Ausbildungsplatz im dualen System. Gegenwärtig sitzen Studienabbrecher neben Absolventen der Hauptschule und der Werkrealschule in den Berufsschulklassen. Restriktive Vorgaben der Kultusverwaltung hinsichtlich der Klassenbildung geben den Berufsschulen keinerlei Spielraum für kreative Lösungen.

 

Verbesserung der Rahmenbedingungen für einen zukunftsorientierten Berufsschulunterricht

Hilfen für schwächere Auszubildende um Ausbildungsabbrüche zu vermeiden und Zusatzangebote für leistungsstärkere Auszubildende sind nicht zum Nulltarif zu haben. Das Land muss auch die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. Hierzu gehören:

- Ausweitung des Berufsschulunterrichts auf zwei volle Tage

Die Stundentafeln der Berufsschule sehen gegenwärtig 13 Wochenstunden Berufsschulunterricht vor. Davon sind durch bundesweite Vorgaben 11 Wochenstunden für berufsfachlichen und allgemein bildenden Unterricht vorgesehen. Nachdem das einstündige Fach Englisch als Pflichtfach in allen Stufen und Fachrichtungen der Berufsschule eingeführt wurde, stehen für unterstützende, fördernde und erweiternde Angebote lediglich eine Wochenstunde zur Verfügung. Damit lassen die Stundentafeln der Berufsschule für Stütz- und Fördermaßnahmen und für die Vermittlung von Zusatzqualifikationen keinen ausreichenden Spielraum. Der Berufsschullehrerverband (BLV) fordert deshalb die Ausdehnung des Berufsschulunterrichts auf zwei Unterrichtstage. Drei Tage sollen der betrieblichen Ausbildung, zwei Tage der Berufsschule zur Vermittlung berufstheoretischer, berufspraktischer und allgemein bildender Inhalte sowie für Stütz-, Fördermaßnahmen und Zusatzqualifikationen zur Verfügung stehen.

- Verbesserung der sächlichen Ausstattung der Berufsschulen

Die Berufsschulen sind sächlich so auszustatten, dass sie diese Aufgaben auch wahrnehmen können. Die Ausstattung der beruflichen Schulen ist landesweit sehr unterschiedlich. Während mache Berufsschulzentren modern ausgestattet sind, fehlt es an anderen Standorten an den räumlichen Kapazitäten und modernen Werkstätten, Laboren und Übungskontoren. Hier ist es die Aufgabe der Schulträger, die notwendige sächliche Ausstattung zu schaffen, um einen Berufsschulunterricht auf dem aktuellen Stand zu ermöglichen, der auch eine differenzierte Beschulung, das Arbeiten in Kleingruppen und in selbstorganisierten Unterrichtsformen zulässt.

- Volle Unterrichtsversorgung der beruflichen Schulen

Die Berufsschulen sind personell so auszustatten, dass sie die beschriebenen Aufgaben der auch wahrnehmen können. Deshalb muss an den Berufsschulen der volle (ungekürzte) Berufsschulunterricht erteilt und für Zusatzangebote zusätzliche Lehrerwochenstunden zur Verfügung gestellt werden. Die Berufsschulen brauchen – wie z.B. die Gymnasien – einen Ergänzungsbereich von etwa 8 % der Pflichtstundenzahl.

Den Schulen muss auch Planungssicherheit über die zur Verfügung stehenden personellen Ressourcen verschafft werden. Hierzu müssen die Schulen frühzeitig über ihre Einstellungsmöglichkeiten informiert und wieder der ganz überwiegende Teil der zu besetzenden Stellen über ein schulbezogenes Ausschreibungsverfahren besetzt werden. Wenn wie im laufenden Einstellungsjahr im zentralen Listenverfahren die Einstellungsangebote erst Anfang Juni verschickt und die erforderlichen Beteiligungsgespräche an den Schulen erst Mitte Juni durchgeführt, dann ist dies entschieden zu spät. Da praktisch alle Bundesländer frühere Einstellungstermine haben, besteht die Gefahr, dass die besten Bewerberinnen und Bewerber berufliche Angebote in anderen Bundesländern annehmen.

 

verantwortlich i. S. d. P.

Herbert Huber, Kniebisstr. 7a, 77767 Appenweier

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